"Das war einmal Geschichte auf der persönlichen Ebene..."Interview mit Marion Gabler, Schülerin an der FOS für Sozialwesen in München (12. Klasse). Autorin der Biografie über Josef Berglehner. Am 8. Mai 2001. |
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Deine Person ist Josef Berglehner. Wie bist du auf seinen Namen gekommen?Zuerst suchte ich mir aus dem Internet die Adresse des Bundesarchivs heraus. Dann schickte ich eine Mail mit der Erklärung, dass ich beim Gedächtnisbuch-Projekt mitmache. Mein Problem sei, keinen Namen von einem Häftling zu haben. Ob man mir nicht Textauszüge, Akten, irgendetwas, in dem ehemalige Häftlinge aus dem KZ Dachau erwähnt werden, zuschicken könne. Drei Wochen später bekam ich einige Textauszüge. Ich suchte mir Josef Berglehner heraus, weil er in der Münchner Umgebung gewohnt hat. Anschließend kontaktierte ich Frau Gerhardus, die Projektbetreuerin. Sie prüfte nach, ob er im KZ-Dachau war und was es für Informationen über ihn im Archiv der Gedenkstätte gab. Es war nicht viel. Wie bist du weiter vorgegangen?Josef Berglehner kam aus Erding. Ich ging einfach davon aus, dass es dort noch ein paar Berglehners geben musste. Mit Hilfe der Telefon-CD von Deutschland habe ich mir alle Nummern mit diesem Namen herausgesucht und diejenigen aus Erding angerufen. Das waren vier oder fünf. Dabei stieß ich auf Berglehners Neffen. Er gab mir die Telefonnummern der Ehefrau und Tochter seines Onkels. So bin ich an die Tochter gekommen und über die an den Enkel, Gerhard Woschniok. Da braucht man aber ganz schön Mut, um die Leute so einfach anrufen.Nun gut, also mehr als nichts wissen, können sie nicht und mehr als eine dumme Antwort geben auch nicht. Und wenn sie mir nichts sagen wollen, kann ich auch nichts machen. Der Enkel hat mich großartig unterstützt. Er hatte schon einige Dokumente gesammelt, ein Interview mit Berglehners Schwester kurz vor ihrem Tod geführt. Ihre Schilderungen haben mir sehr viel gebracht. Ich kann ja nicht nur dem glauben, was mir die Akten sagen. Hat deine Recherche nur im familiären Bereich stattgefunden?Nein, ich war auch im Stadtarchiv in Erding und im Staatsarchiv in München. Im Stadtarchiv habe ich die Sondergerichtsakte über ihn gefunden. Wie lange hast du insgesamt für das Projekt gebraucht?Ein dreiviertel Jahr. Allerdings habe ich immer nur sporadisch daran gearbeitet, weil die Schule ja auch noch da war. Hast du es im Rahmen der Schule gemacht?Nein, anfangs für mich selbst. Dann mussten wir an der FOS ein Fachreferat halten. Ich habe Geschichte gewählt und diese Arbeit vorgetragen. Die Klasse fand es wahnsinnig interessant. Das war das erste Fachreferat, bei dem sie wirklich zugehört haben. Es kommt einfach ganz anderes rüber, als wenn man allgemein über den Nationalsozialismus erzählt. Das Schicksal Josef Berglehner ging allen ziemlich nah, zumal ich auch noch viele Fotos von ihm dabei hatte. Das war einmal Geschichte auf der persönlichen Ebene… Was hat dir die Arbeit über Josef Berglehner gebracht?Ich habe mich schon viel früher mit der Hitler-Zeit beschäftigt. Vielen Menschen ging es sehr schlecht, viele waren in den KZs. Aber wirklich eine Person zu haben… Man kennt die Familie, sieht die Fotos, man weiß, was passiert ist. Eigentlich gab ist es kein Grund, warum er ins KZ kommen sollte. Es kommt einem einfach näher, als wenn man von den vielen tausend Häftlingen hört. Zwar waren sie alle zu Unrecht im KZ, aber warum genau, das weiß man persönlich auch nicht. Für mich ist Josef Berglehner kein Fremder mehr. Es ist so, als wenn man das Tagebuch von jemandem in groben Zügen gelesen hätte. Jetzt kenne ich seine ganze Lebensgeschichte. Was passierte nach Abschluss der Arbeit?Ich habe die Biografie dem Enkel zum Gegenlesen gegeben. Frau Gerhardus hat sie ebenfalls redigiert. Von allen Unterlagen habe ich Kopien für das KZ-Gedenkstätten-Archiv gemacht. Am 22. März dieses Jahres habe ich die Gedächtnisurkunde in der Versöhnungskirche vorgestellt. Und was war das Spannendste an der Geschichte?Für mich war das Spannendste, dass man, ausgehend von einem Namen, einem Geburtsort und einem Geburtsdatum die ganze Lebensgeschichte eines Menschen aufrollen kann. Sozusagen von "Nichts" auf "Komplett". Und das war zu meiner Überraschung gar nicht so schwer, wie ich es mir vorgestellt hatte. | ||